Karsten


Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit jemanden gab den ich hasste. Jemanden, vor dem ich in permanenter Furcht lebte.
Karsten aus dem Nachbarhaus.
Ich war damals sieben oder acht Jahre alt. Niemand hatte Angst vor dem. Nur ich. Das nutzte er natürlich aus. Er wohnte ja nicht nur nebenan, sondern ging auch in die gleiche Schule wie ich. Jedes Mal wenn er mich erwischte, bezog ich also Prügel von ihm. Mein einziges Mittel, dem zu entgehen, war, wegrennen.
Immer wieder rieten Spielgefährten mir, einfach stehen zu bleiben und mich ihm zu stellen.
Aber, ich rannte.
Das kam, ohne nachzudenken: Karsten = rennen!
Ich lief stets schneller als er und jagte ihn bis zu seiner Erschöpfung hinter mir her. Danach hatte ich immer das Gefühl eines Spielers nach einem guten Unentschieden. Kein Triumph, aber glücklich der Niederlage entkommen.
Ich hatte einen Cousin. Er war ein Jahr älter als ich. Er konnte so fantastische Sachen, wie Tom Dooley auf englisch singen zu Beispiel. Eines Tages, er war mit seiner Mutter zu Besuch, gingen wir zum Spielen runter. Im Treppenhaus erzählte ich ihm von meinem Peiniger Karsten.
Wie es der Zufall so wollte, wir standen grade vor dem Haus, kam er, wie auf ein Stichwort. Ich war schon, wie man so schön Neudeutsch sagt, »in Pole-Position«, als ich den Cousin fragen hörte: »Is dit der Arsch?«
Ich nickte nur kurz, weil ich ja wegmusste. Dann sah ich, nicht ohne Erschrecken, wie er mit einer knappen Bewegung den rechten Arm hochriss und zuschlug. »Meen Cousin lässte in Ruhe wa. Is det klar?«
Vermutlich hatte Karsten diese Forderung in keinster Weise verstanden. Nach dem Schlag ist er wie ein Säckchen Murmeln zu Boden gefallen, schrie lauthals und blutete so doll aus der Nase, dass mir bei dem Anblick schlecht wurde.
Ein bisschen tat er mir jetzt leid. Lieber wäre ich wieder gerannt.
Zurück in der Wohnung, dauerte es gar nicht lange und es klingelte es an der Tür.
Karsten mit seiner Mutter.
Sie wollte meine Mutter sprechen.
Karsten bot ein Bild des Jammers. Er war über und über mit Blut verschmiert und heulte noch immer.
Schnell wurde meiner herbeigeeilten Mutter klar, dass ich der Urheber dieses heulenden Schadens dort war. Sie versicherte der empörten Person vor der Tür, dass sie solche Brutalitäten nicht dulden werde. Viel zu flink, um ihr auszuweichen, drehte sie sich zu mir um und verpasste mir zwei schallende Ohrfeigen, sodass ich rückwärts durch den Korridor stolperte.
Nun grinste Karsten wieder.
Es folgten die übliche Schimpftirade sowie eine Woche Hausarrest.
Der Arrest war lange abgesessen und die geschundene Nase seit Ewigkeiten verheilt, ergab es sich, dass ich mit meiner Mutter die Straße vor dem Haus entlangging. Karsten stand in der Nähe. Er hatte ein Blasrohr in der Hand. Ein damals bei uns äußerst beliebtes Spielzeug. Als Geschosse dafür dienten uns kleine harte Samenkugeln, die an zahlreichen Büschen in der Gegend wuchsen. Mit einer solchen Kugel beschoss er uns. Ich habe keine Ahnung, ob absichtlich oder nicht, jedenfalls traf er meine Mutter. Die schrie vor Schmerz und Schreck auf und drohte: »Ich werde mal ein paar Worte mit deiner Mutter reden, damit sie erfährt, was du für ein Früchtchen bist! Sag mal, war das nicht der Junge, dem ihr neulich die Nase blutig geschlagen habt?«, fragte sie mich anschließend.
Ich bejahte.
Nach einer Pause sagte sie: »Das mit dem Stubenarrest tut mir leid.«
Da war nicht nur die unerwartete Absolution, die natürlich eine tiefe Genugtuung in mir auslöste, da war auch der Angriff auf meine Mutter. Das würde kein Sohn durchgehen lassen. Wenn ich das Verhältnis zu Karsten bis dato eher von der sportlichen Seite gesehen gehabt hatte, dominierte jetzt der Rachegedanke.
Bei unserem nächsten Aufeinandertreffen lief ich nicht weg. Es war ein harter Akt der Überwindung. Der Puls rauschte in meinen Ohren und das Herz schnürte mir die Brust zusammen. Aber ich wartete.
Karsten näherte sich mir, tat das jedoch sehr vorsichtig, da mein Verhalten für ihn absolut untypisch war: »Na, rennst ja gar nicht weg. Willste was auf die Fresse?« Er schubste mich.
Da habe ich ihm die beiden Ohrfeigen zurückgegeben, die ich von meiner Mutter, sozusagen als Vorableistung, für ihn bekommen hatte.
Wortlos hielt er die Hände an die Wangen. In den Augen standen Erstaunen, Erschrecken und eine einzelne Träne. Dan drehte er sich langsam um und ging weg.
Ich fühlte keinen Triumph, nur Herzklopfen und eine Art Traurigkeit. Zwei Jahre war ich vor ihm weggerannt. Und nun?
Es war das Ende einer Ära unserer Kinderzeit und meine letzte Erinnerung an Karsten.