Letzte Begnung

Von Peter Marquardt


Carola Moosbach liebte es, auf dem Wasser zu sein. Die Ruhe, die Stille und die Einsamkeit inspirierten sie; gaben ihr Kraft.
Sie war auf dem Weg zu ihrem Bootshaus. Eine Zufluchtsstätte, die sie und ihre Schwester Alexandra, vor Jahren von den Eltern geerbt hatten.
Sie wollte das Wochenende in Ruhe, allein mit sich und den Mücken verbringen.
Die Strömung ging schnell. Sie hatte Mühe, dass schmale Boot vorwärtszutreiben. Sie saß am Bug und zog das kurze Ruder kraftvoll, zweimal rechts und zweimal links, durch das Wasser. Im Schneckentempo krochen Büsche und Bäume, am fernen Ufer, vorbei. Die Brohme, ein Flüsschen hoch im Norden, hatte die schwerste Flut seit Menschengedenken hinter sich. War selbst jetzt noch, bei längst sinkendem Wasserpegel, ein reißender Fluss. Sogar eine der drei Brücken, war Opfer des Hochwassers geworden.
Früher war sie oft mit Alex hier entlanggefahren.
Früher; früher war sie einmal verlobt gewesen. Er hieß Philipp und sie hatte ihn geliebt, auch wenn er ein Hitzkopf war. Er hatte sie zum Lachen gebracht und allein durch seine bloße Anwesenheit, schien ihr das Leben einfacher zu werden.
Dann hatte sie ihm Alex vorgestellt. Das war vor drei Jahren. Ihre Schwester war grade neunzehn Jahre alt geworden und Philipp bereits achtunddreißig.
Zwischen den beiden hatte es sofort gefunkt. Alles ging so schnell, dass Carola kaum Zeit fand, den Ereignissen zu folgen. Dann, wenige Tage später, waren beide verschwunden. Einfach so.
Sie hatte die Polizei um Hilfe gebeten. Wollte sie suchen lassen. Der Beamte hatte sie nur mitleidig angesehen. »Es kommt ständig vor, dass ein Liebespaar durchbrennt.« Schadenfroh gegrinst hatte er auch noch dabei.
Sie war nachhause gelaufen und hatte geheult; tagelang.
Und dann, wie zum Hohn, Wochen später, eine Postkarte. Eine Postkarte und ausgerechnet von Philipp. Keine Email, keine SMS nein, eine gottverdammte, kitschige Postkarte aus Las Vegas: »Hallo Carola, ich und Alex haben heute geheiratet. Ich bin glücklich, wie nie zuvor in meinem Leben, Philipp. PS. Hier ist Superwetter! Wie geht es bei Euch?«
Mein Gott, wie zynisch und grausam kann das Leben sein?
Sie zog das Ruder durch das Wasser, zweimal links, zweimal rechts. Mit tränen verschleiertem Blick sah sie den geborstenen Brückenpfeiler, der wie ein mahnender Finger in den Himmel ragte. Die Sonne ging bereits auf.
Vor ihr öffnete sich der schnellfließende Strom zu einem vielarmigen Delta, aus dem das angestaute Regenwasser abzufließen versuchte.

Philipp hatte das Gefühl eines Stromschlages, als die neunzehnjährige Alexandra ihm zum ersten Mal die Hand reichte und ihn aus ihren wasserblauen Augen so bewundernd anschaute. Ihre vollen Lippen waren zu einem berauschenden Lächeln verzogen. Zwei entzückende Grübchen zeigten sich auf ihren Wangen und eine unschuldige Röte überzog das schöne Gesicht.
Es tat ihm gut, von jemandem so bedingungslos bewundert zu werden. Außerdem war Alex nicht nur schön nein, ihre Liebe war atemberaubend.
Er wollte sie. Er wollte sie gleich. Am liebsten für immer. Die Reise nach Vegas und ihre Heirat dort, war wie ein Rausch der Sinne für ihn.
In den Norden Deutschlands, wo sie beheimatet gewesen waren, mochten sie nicht zurück. Schließlich wussten beide, um den Scherbenhaufen, den sie hinterlassen hatten.
Sie mieteten eine Wohnung in München.
Ein Jahr war seitdem vergangen. Alex Liebe zu Philipp war ungebrochen. Sie vergötterte ihn. Je andauernder sie dies jedoch tat, umso mehr fühlte er sich von ihr gelangweilt. Nach einer Party bei Bekannten, richtige Freunde besaßen sie nicht, kam es während der Rückfahrt zu einem Streit. Er hatte wie so oft viel zuviel getrunken.
Der Alkohol, eine Kurve, ein Baum.
Philip war mit dem Schrecken und ein paar Abschürfungen davongekommen. Für Alexandra hieß das Resultat, lebenslanger Rollstuhl. Beide Beine würden gelähmt bleiben.
Die Gleichgültigkeit ihr gegenüber schlug von da an in Hass um. Denn nun musste er sie, zu allem Überfluss, im Rollstuhl schieben, Treppen hoch und runter tragen. Sogar in die Badewanne heben und wieder herauswuchten. Bei all dem hatte er keine Möglichkeit dem Klammergriff ihrer hündischen Liebe zu entkommen. Schließlich war sie ein Krüppel und das durch seine Schuld. Er fühlte sich für immer an sie gefesselt.
Er trank mehr als vorher.
Dann eines Abends brach es aus ihm heraus. Er hatte es längst aufgegeben, seinen Bourbon ins Glas zu gießen und ihn gleich aus der Flasche getrunken.
»Ich werde dich verlassen«, sagte er ohne Einleitung.
Sie saß in ihrem Rollstuhl und schaute ihn wortlos an. Sie kannte das bereits. Wenn er betrunken war, hatte er solche Dinge schon öfter gesagt. Meist war er anschließend eingeschlafen. Diesmal fuhr er mit schwerer Zunge fort: »Ich habe es satt mich an dich zu vergeuden. Die einzige Frau, die ich je geliebt habe, war deine Schwester. Was für ein Weib! Deine Liebe ist wie ein stinkender Abgrund, in den man hineingezogen wird um langsam darin zu ersticken. Du bist eine Seelenfresserin und ein Krüppel.« Er schien sich an seinen eigenen Worten zu berauschen. »Ich habe die Schnauze endgültig voll von dir.«
Ein paar Sekunden lang starrte sie ihn an, als müsse sie das Gehörte für sich in eine andere Sprache übersetzen, um sie zu verstehen. Dann brach es aus ihr heraus: »Philipp, du bist ungerecht. Wir lieben uns doch. Ich war es doch, die ihr Leben für uns aufgegeben hat. Ich bin es, die dich ertragen muss und ich bin es auch, die wegen deiner Trunksucht, wie du so richtig sagtest, zum Krüppel geworden ist. Das alles ist Deine Schuld!«, die letzten Worte schrie sie ihm ins Gesicht.
Ohne Vorwarnung holte er weit aus und schlug zu.
Er traf sie mit der halbvollen Whiskyflasche an der Schläfe. Es gab ein knirschendes Geräusch, das nicht zu der berstenden Flasche gehörte. Ihr Schädel war an der Stelle, wo er sie getroffen hatte eingedellt. Blut sickerte aus der Stelle und tropfte auf ihr Nachthemd. Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken. Die Augen blickten glanzlos ins Leere.
Einen Moment lang starrte er sie wie verwundert an. Dann begann er erst leise, dann laut zu kichern. »Siehst du, du Klammeraffe, so einfach geht das und so schnell. Ich werde dich jetzt nach Hause bringen und ich werde mit deiner Schwester reden. Sie wird mir verzeihen, jetzt wo du endlich verreckt bist.« Da waren keine Schuld, keine Reue, nur Erleichterung.
Mit einer neuen Flasche auf dem Beifahrersitz jagte er durch die Nacht in Richtung Norden.
Er wirkte entspannt. Fast sah es aus, als ob er lächelte.
Als der Morgen graute, war er in seiner alten Heimat. Hier kannte er sich aus. »Jetzt kommt gleich die Brücke, dann nach links und immer dem Wasser entlang«, lallte er in singendem Tonfall und trat auf das Gaspedal. Die leere Flasche warf er achtlos aus dem Fenster. Dann ließ er es hochfahren, denn es war kühl. Der Wagen schoß vorwärts.
Die Sonne war schon aufgegangen und blendete ihn. Er griff zu der Sonnenbrille in der Türablage. Als er wieder sehen konnte; der Schock!
 Dort wo die Brücke sein sollte, war nichts. Der Motor heulte, wie unter Vollgas im Leerlauf als der Ford waagerecht durch die Luft flog. Etwa fünf Sekunden später und zehn Meter weiter krachte er auf das Wasser.
Panik ergriff ihn. »Verdammte Scheiße, wo ist diese verkackte Brücke!« Wütend schlug er auf das Lenkrad ein. Philipp starrte panisch aus dem Fenster. Ein Boot! Da war ein Boot. Eine Frau saß darin. Als sie sich umwandte war es wie ein Schock: »Carola Hilfe! Caroolaaa!«, schrie er mit verzerrtem Gesicht.
Aus dem Kofferraum, der nun fast aufrecht aus dem Wasser ragte, drang ein Jammern: »Philipp, Liebster, lass mich doch raus.«

Zweimal rechts, zweimal links, zog sie das Ruder kraftvoll durch die braune Brühe. Langsam begannen ihr Schultern und Arme zu schmerzen.
In ihrem Rücken hörte Carola einen Motor jaulen und dann einen Aufschlag auf dem Wasser.
Hastig drehte sie sich um. Ein Auto schwamm im modrig trüben Wasser des Flusses.
Am Fenster auf dem Fahrersitz ein verzerrtes Gesicht. Ein Mann schien etwas zu schreien. Sie konnte es nicht hören. Aber das Gesicht, sie kannte es. Der Atem stockte ihr.
Der Wagen entfernte sich rasch mit der Strömung, vollführte nochmals eine Drehung, und tauchte langsam unter.
›Philipp?‹, denkt sie ungläubig. Dann greift sie zu ihrem Handy.