Der braune Hund

Ich hatte von einem Schlag eigentlich nichts gespürt. Er kam unvermittelt und ohne die üblicherweise beschriebene Erscheinung des Sternesehens.

 

Das Aufwachen war das Fiese. Ich hielt die Augen geschlossen, dennoch bemerkte ich, durch die Lider hindurch gleißendes Licht und sengende Hitze. Etwas wischte mir feucht und warm das Gesicht ab. Es roch unangenehm nach faulem Fleisch. In meinem Schädel dröhnten Schmerzen.

 

Schließlich endete das Wischen abrupt. Ein Schatten legte sich mir über die Lider.

 

»Du kannst deine Augen jetzt öffnen.«

 

Die Stimme war nicht unfreundlich, aber fordernd.

 

Langsam folgte ich der Aufforderung. Über mir stand ein Hund.

 

»Was bist du denn für einer?«, wollte er wissen.

 

Beim Reden bewegte er seinen Unterkiefer, als würde er auf Kleister kauen.

 

Ein Intercity raste mir grade die Schädeldecke entlang, und zwar von innen. Ich stöhnte auf und griff mit beiden Händen an meinen Kopf.

 

»Ich denke mal, du hast einen Brummschädel«, sagte der Hund.

 

»Ich könnte dir helfen?«

 

Irgendwie raste der Zug grade durch mein Sprachzentrum. Ich nickte deshalb nur.

 

Der Hund legte eine Pfote auf meinen Kopf und der Zug entfernte sich auf donnernden Rädern, bis er gänzlich in der Ferne verschwunden war.

 

»Wo bin ich hier?«

 

»Hr-dj«, sagte der Hund und es klang, als würde er niesen.

 

»Gesundheit.«

 

»Ich habe nicht geniest«, entgegnete er, »du bist in Hr-dj, oder vielleicht sagt dir Kynopolis etwas.«

 

Ich richtete mich langsam auf und starrte auf diesen braunen Hund. Er war groß und dünn. Die Rippen standen ein wenig hervor. Trotz des schlanken, eleganten Schädels wirkte sein Gebiss furchteinflößend.

 

Ich spürte Zorn in mir aufkeimen.

 

»Hast du eben Kynopolis gesagt? Willst du mich verarschen? Wenn diese Stadt überhaupt jemals existiert hat, ist sie vor mehr als dreitausend Jahren zerstört worden, und zwar derart, dass sie bis heute als Legende gilt. Und wieso rede ich mit einem Hund?«

 

»Weil du es kannst.«

 

»Ich kann reden, weil ich ein Mensch bin. Hunde jedoch sprechen, soweit ich weis, niemals.«

 

»Es sei denn, sie sind Götter. Götter können mit Menschen reden.«

 

Etwas drehte sich in meinem Kopf. Nicht schmerzhaft, aber in einer Art, die mich schwindeln lies.

 

»Hab ich so noch nicht gehört«, brummte ich, »hast du auch einen Namen?«

 

Er kam um mich herum und setzte sich mir gegenüber. Er hatte kluge, braune Augen, mit denen er mich nun eindringlich musterte. Die lange Schnauze dicht vor meinem Gesicht.

 

»Schreibst du nicht an einer Geschichte, die in Ägypten spielt? Eine Geschichte in der auch mein Freund Horus eine Rolle spielt?«

 

Ich nickte.

 

»Und du kennst meinen Namen nicht?«

 

Ich überlegte fieberhaft. Recherchen sind nicht meine Stärke. ›Kynopolis hat er gesagt? Die Hundestadt‹

 

Ein wahrlich irrwitziger Gedanke schoß mir durch den Kopf: »Du bist Anubis?«

 

Er nickte zufrieden, als wollte er sagen, na wenigstens das weis er. »Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht.«

 

Doch war ich und er schien es zu wissen.

 

»Alle Götter sind nur so stark, wie die Kraft derer ist, die an sie glauben. Das gilt übrigens auch für eure neuen Götter«, rechtfertigte er sich.

 

»Und an euch, die alten Götter, glaubt niemand mehr.«

 

Er wiegte bedenklich den Kopf: »Ein paar Archäologen, Historiker, Museumsbesucher und heimliche Verehrer, halten viele von uns grade so am Leben. Aber wir beschweren uns nicht. Wir haben über dreitausend Jahre unter den Menschen gelebt und ihre Entscheidungen mitgetragen, selten beeinflusst.«

 

»Da ist es ja gut, dass wir heute nur noch einen Gott haben, der uns allen beisteht«, sagte ich. Mehr um überhaupt etwas zu sagen, als aus Überzeugung.

 

Es ah aus, als würde Anubis die Zähne fletschen. Vielleicht grinste er auch nur: »Für einen Geschichtenschreiber bist du reichlich naiv. Euer Christengott, ist er nicht ein Gott der Vergebung? Das heißt, du kannst alles tun, ohne Schuld auf dich zu laden.

 

Zweihundert Jahre Eroberungen im Orient im Namen Gottes. Dreißig Jahre Glaubenskriege.

 

Die Bekehrung der Heiden in Amerika, sie wurden fast ausgerottet.

 

Für Kaiser Gott und Vaterland. Ein herrliches Gemetzel im Namen Gottes. Die Liste ist übrigens beliebig erweiterbar. Was im Namen Allahs so abgelaufen ist und noch immer passiert, ist ja auch kein Akt der gelebten Nächstenliebe.«

 

Der Hund senkte seinen Kopf zu mir herunter: «Es steht mir kein Urteil zu. Wir hatten unsere Zeit und haben sie genutzt.

 

Mir schwirrte ein der Kopf und iich beschränkte mich deshalb auf die am Nächsten liegende Frage: «Was wird jetzt aus mir?«

 

Anubis gähnte ausgiebig und scheuerte sich mit der linken Pfote die Hüfte, als ob ihn dort Flöhe gebissen hätten.

 

»Ich denke, du solltest noch einige Zeit am diesseitigen Ufer des Eridanus verweilen«, sagte er. Dabei und spuckte er mir etwas in die Hand und ich spürte, wie ich erneut in eine Ohnmacht versank.

 

Als ich erwachte, lag ich am Boden meines Büros und starrte die Beine meines Schreibtischs empor. Ich tastete meinen Kopf ab, der jetzt schmerzfrei war, bis ich die Beule am Hinterkopf berührte.

 

Das tat weh.

 

Hoffentlich sind die nächsten Aufgaben der Schule des Schreibens weniger schmerzhaft‹, dachte ich.

 

Als ich mich aufrichtete und nach der Schreibtischplatte griff, viel etwas aus meiner Hand auf den Boden und rollte unter den Bücherschrank.

'Was war das?'