Noch eine Weihnachtsgeschichte

Und Saturn ist im siebten Haus!

Eine Erzählung von Peter Marquardt

 

 

 

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  1. Noch eine Weihnachtsgeschichte

Am Morgen des Heiligabends treffe ich auf meinen Nachbarn Boisenberg.

»Schöne Weihnachten, Herr Nachbar«, sage ich und lüfte meinen Hut ein wenig.

»Ja sie mich auch«, ächzt er wütend und wuchtet zwei große Koffer in sein Auto. ›Merkwürdig‹, denke ich, ›er ist sonst doch immer sehr freundlich.‹

Die Boisenbergs haben ihren Garten genau neben unserem. Alles Sonnenanbeter. Im Sommer verbringen sie bei gutem Wetter den ganzen Tag in ihren Liegestühlen. Die Liegestühle stehen immer an derselben Stelle. Einer dicht neben dem anderen. So dicht, dass die Armlehnen sich berühren.

Das müssen sie auch. Die Gärten hier sind sehr klein.

In der Weihnachtszeit werden sie traditionell mit vielen Lichtern geschmückt. Vor drei Tagen hatte Boisenberg begonnen seine Weihnachtsdeko im Garten anzubringen. Als ich ihn von meiner Terrasse aus sah, stand er auf einer Leiter. Orpheus ihr Pinscher ist unter der Leiter durchgelaufen. Frau Boisenberg schrie laut auf: »Herbert das bringt Unglück!« Sie ist schrecklich abergläubig und der Astrologie verfallen. Sogar Horoskope erstellt sie.

Ihr Mann hatte sich offensichtlich erschrocken und ist mit der Leiter umgefallen. Gott sei Dank ist nichts passiert. Orpheus allerdings, war vor der fallenden Leiter in Panik geraten, durch die offene Gartentür geflüchtet und dort von einem Auto überfahren worden.

Vielleicht hatten sie wegen dieses tragischen Ereignisses ihre Liegestühle noch nicht weggeräumt. Sie standen wie immer auf dem Rasen, einer neben dem anderen, dicht beieinander.

Zwei Tage später brachte ich Weihnachtsdeko an meinem Küchenfenster an und klebte kleine Sternchen auf das Glas.

Die Tür zum Garten meiner Nachbarn stand offen.

Warum auch nicht‹, dachte ich. ›Orpheus lag an einem schönen Platz, gleich unter den Azaleen.‹

Mir kam da so ein Gedanke: ›Vielleicht würde dies ja helfen, den Frieden bei den Nachbarn wieder herzustellen.‹

Als ich herüberging, begann es zu schneien. Die Rollos waren heruntergelassen. Ich stellte die Liegestühle so um, dass sie nun einen Kreis bildeten. Ich hatte auf dem Arm noch so ein Sternchen zu kleben. Das heftete ich auf eine der Lehnen. Der Schneefall verstärkte sich und bald waren alle Gärten in eine weiße Pracht gehüllt.

Ich stand auf meiner Terrasse und rauchte, als die nachbarlichen Rollos hochgezogen wurden.

»Herbert kommst du mal!« Ich bildete mir ein, dass ich ein leichtes Zittern in ihrer Stimme hörte.

Die Terrassentür wurde geöffnet und meine Nachbarn traten heraus. »Warst du das?«

Boisenberg schüttelte den Kopf: »Natürlich nicht. Wann denn?«

»Sie mal, es sind nichtmal Spuren im Schnee«, bemerkte sie.

Er schaute zu mir herüber. Als er mich sah, nickte er.

»Guten Abend Herr Nachbar«, sagte ich.

Frau Boisenberg drehte sich ebenfalls herum und fragte: »Haben sie vielleicht gesehen, wer unsere Liegestühle verstellt hat?«

»Nein, tut mir leid. Ich war nicht zuhause. Aber schauen sie mal, da sind ja nicht mal Spuren im Schnee.«

Ich war zufrieden mit der Entwicklung der Dinge. Das gemeinsame Lösen von Problemen soll ja bekanntlich den familiären Zusammenhalt stärken.

Frau Boisenberg ging derweil den Tatort besichtigen. Der Mond tauchte ihn in bleiches Licht. Sterne funkelten am Himmel.

Sie umkreiste die verdächtigen Objekte langsam, dann blickte sie lange in den Himmel, schließlich auf die Stühle und in den Garten.

»Schatz, wolln wir nicht reingehen, es ist kalt«, sagte ihr Mann.

Sie schaute sich nochmals um, dann fauchte sie, die Hände in die Hüften gestemmt: »Wer ist diese dumme Schlampe? Kenne ich sie?«

Mein Nachbar erstarrte und verschluckte sich am Qualm der Zigarette, die er grade angezündet hatte.

»Bitte was?«, hustete er.

»Du hast mich gut verstanden. Wer ist diese dumme Schlampe, mit der du mich betrügst?«

»Aber Schatzi, ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst.«

»So, du weißt es also nicht. Fünf Stühle bilden auf unerklärliche Weise einen Kreis. Der hier ist übrigens deiner …« Sie wischte den Schnee herunter und kreischte kurz auf, als sie den Stern auf der Lehne entdeckte. »Sogar markiert!«, triumphierte sie. »Wo weist er hin? Zur offenen Tür! Welch ein Omen! Was siehst du genau über diesem Stuhl?«

»Keine Ahnung«, sagt er, »wolln wir nicht doch reingehen?«

»Genau dort ist der Zwilling«, keifte sie unbeirrt weiter, »dein Sternbild! Und Saturn ist im siebten Haus! Ich frage dich also, wer ist diese dumme Kuh, mit der du mich betrügst?«

 

Herr Boisenberg machte nun einen mehr als bedepperten Eindruck. Deshalb klang sein Protest auch ein wenig halbherzig: »Also bitte ja, dumm ist sie nun wirklich nicht. Sie hat immerhin Astronomie studiert.«