Über die Schwierigkeit, ein Autor zu werden.
Peter Marquardt

Betrachten Sie mich bitte bestenfalls als jemanden, der Schriften herstellt, ergo als einen Schriftsteller, keinesfalls wie hier im Verzeichnis angegeben als einen Autor.
Das macht keinen Unterschied, sagen Sie?
Oh doch.
Haben Sie schon einmal etwas von einem Schriftstellerhonorar gehört?
Sie schütteln den Kopf?
Sehen Sie! Aber von einem Autorenhonorar haben Sie bestimmt gehört.
Oder wie wäre es mit einer Schriftstellerlesung. Ich bin mir nicht sicher, ob es das Wort überhaupt gibt. Eine Autorenlesung jedoch kennt jeder.
Nun kann ich Ihnen versichern, dass ich bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen hier niederschreibe, weder ein Autorenhonorar erhalten, noch an einer Autorenlesung teilgenommen habe. Ich bin kein Mitglied einer Autorenakademie, lese keine Autorenmagazine und war trotz meiner nunmehr sechsundsechzig Lebensjahre nie auf Treffen junger Autoren gewesen.
Ein Autor hat sich durch Fleiß und Beherrschung seines Handwerks, alle die oben erwähnten Privilegien redlich verdient. Er hat etwas Ordentliches studiert, möglichst Literatur. Er kann seine Figuren entstehen lassen, wie er will und sie so steuern, dass sie immer genau das tun, was er von ihnen verlangt. Er weiß im Voraus, wie alles enden wird. So hat er in gewisser Weise etwas Gottähnliches. Ist das nicht grandios? Das hat ein bisschen was mit Schöpfung zu tun.
Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen:
Für eine Geschichte ist es notwendig, dass der Autor gleich zum Anfang seines Romans, einen Herrn mittleren Alters in einem schwarzen Anzug, welcher für diesen freundlichen Tag viel zu warm ist, über eine Fahrbahn gehen lässt. Auf der gegenüberliegenden Seite angekommen, greift der Mann sich an die Nase. Sie blutet.
Das kann durchaus der Beginn einer Geschichte sein und bietet eine Menge Raum für einen Spannungsbogen. Wer ist er? Warum geht er über die Straße? Warum blutet er? Alles offene Fragen, die bis dato unbeantwortet sind und auf ihre Offenbarung warten.
So vermag die Story, Verzeihung, die Geschichte ihren Lauf zu nehmen, da der Autor ja jetzt schon, zu eben jenem frühen Zeitpunkt alle seine Figuren und deren Handlungen fest im Griff hat.
Da ich, wenn auch nur Schriftsteller, diesen Anfang gut finde, möchte ich mit meiner Schöpfung genauso beginnen.
Vielleicht folgen Sie mir einfach gedanklich. Wir begeben uns auf genau die gleiche Straße, die das Individuum unseres Autors zu überqueren hat.
Hervorragend, Sie sind also bei mir geblieben. Das ist gut, denn so sind Sie richtig dran an der Geschichte.
Erinnern Sie sich bitte, das hier ist ein Beispiel, welches Ihnen die Vorzüge eines Autors gegenüber jedem anderen Schreiberling bildlich darstellen soll.
Nun halten Sie mal mit mir Ausschau nach dem Anzugmann. Vielleicht entdecken Sie ihn ja als Erster. Ich jedenfalls sehe ihn nicht. Kein Mann im schwarzen Anzug in Sicht.
Merken Sie etwas? Ich finde meinen eigenen Protagonisten nicht.

 Jetzt ist also Momentschöpfung gefragt.
Wer bietet sich uns sonst an?
Schauen Sie mal dort rechts, da an der Bushaltestelle, die Blondine mit den Riesenmöpsen. Wir könnten ja auch sie über die Straße schicken.
Nein?
Sie haben recht. Möpse sollte man nicht sagen und eine blutende Blondine am Anfang einer Geschichte kann bestenfalls auf einen schlechten Krimi hindeuten.
Andrerseits kommt aber auch niemand in einem Anzug dahergelaufen. Schon gar nicht in einem Schwarzen.
Sehen Sie den Herren dort? Den mit dem breitkrempigen Hut? Ich werde einfach ihn fragen, ob er für mich über die Straße gehen will. Haben Sie was dagegen?
Gut, ich versuche es.
»Verzeihen Sie, wenn ich Sie anspreche, aber würden Sie für mich über jene Straße dort gehen?«
»izwinite paschalusta, ja ne gavarju po-nemetski«
»Danke, schönen Tag noch.«
Haben Sie es gehört? Ein Russe.
Sprechen sie russisch?
Nicht? Ich auch nicht.
Merken Sie was? So komme ich hier kein Stück weiter.
Da wird ständig mit Gott und seiner Schöpfung gehadert und unsereins kriegt keinen Kerl in einem schwarzen Anzug hin. Ich werde meinen Kirchenaustritt überdenken müssen.
Schauen Sie mal dort rechts. Wie wäre es mit diesem pickligen Typen mit dem roten Basecap? Wollen wir den über die Straße gehen lassen? Der ist blond, sportlich, schlank, groß; und wenn der drüben auf der anderen Seite ein wenig aus der Nase blutet, wird es ihn wohl kaum umbringen. Außerdem steht auf seinem T-Shirt: »Was uns nicht umbringt, macht uns stark!«
Also ich werde ihn jetzt fragen.
»Guten Tag verzeihen Sie, wenn ich Sie anspreche, aber würden Sie für mich hier an dieser Stelle über jene Straße dort gehen?«
Der Kerl starrt mich ja an, als wäre ich eine Erscheinung.
»Sach ma Alter, spinnst du? Ick will hierlang jehn, da drüben scheint ja nicht mal Sonne.«
Er schiebt sich an mir vorbei, stopft dabei mit einem Ruck die Hände in die Hosentaschen.
Ich dreh mich um und starre ihm hinterher: ›Autor ist doch schwieriger, als man gemeinhin glaubt‹, denke ich. Dann durchzuckt eine neue Idee mein Hirn: »Ich gebe Ihnen einen Fünfer dafür«, rufe ich ihm nach.
Er stakst weiter, als hätte er es nicht gehört.
Ich drehe mich wieder um. Irgendwer muss jetzt über diese verdammte Straße gehen, damit meine Geschichte in Fahrt kommt.
Warum geht der Kerl mit dem schwarzen Anzug, der viel zu warm für dieses Wetter ist, für den Autor ohne zu murren rüber, während ich nicht einmal für Geld einen, pickliegen Basecapträger, dazu überreden kann?
Bemerken Sie nun auch endlich den Betrug in dieser Autorenliste?

 »Hast du jesacht nen Fünfer?«
Ich schnelle herum.
Der Picklige mit dem Basecap steht dicht vor mir. Er hat jetzt den Schirm nach hinten gedreht, was im grellen Sonnenlicht seine Pickel überdeutlich hervortreten lässt.
Ich erschrecke. »Einen Fünfer?!«
Wo sollte ich verdammt noch mal so plötzlich einen Fünfer hernehmen?
Ich bin Schriftsteller und kein Autor. Unsereins hat nicht einfach einen Fünfer in der Tasche. Aber dann fällt mir ein, dass dies ja eine Geschichte ist. Dass ich ja einen Fünfer nur erdichten müsste und den könnte ich ihm ja geben.
Ich greife also in die Hosentasche und hole tatsächlich einen imaginären Geldschein heraus.
Er sieht ihn sich an: »Nur über die Straße und das an der Ampel hier?«, misstrauisch mustert er mich.
Ich nickte: »Nur über die Straße, an dieser Ampel.«
Mit spitzen Fingern, die übrigens dreckige Nägel haben, zieht er mir den Fünfer aus der Hand und betrachtet ihn argwöhnisch. Dan knurrt er etwas Unverständliches, steckt den Schein ein und geht auf die Ampel zu.
»Aber drüben hau ick sofort ab. Ick komme nich wieder zurück«, ruft er über die Schulter.
Geht klar!«, sage ich.
So, lieber Leser, das wäre geschafft. Er wird jetzt rübergehen und drüben Nasenbluten haben. Ob mit oder ohne schwarzen Anzug. Gott hat seine Schöpfung schließlich auch korrigiert, sonst gäbe es ja heute noch Dinosaurier.
Sie fragen, warum er Nasenbluten haben wird?
Was weiß denn ich? Das hat mir der Autor bis zu diesem Moment, wo er drüben ankommt, doch ebenfalls nicht erklärt. Spannungsbogen nennt man so etwas. Glaube ich jedenfalls.
Lassen Sie uns einfach beobachten, wie er rübergeht. Schauen Sie mal, die Ampel wird Grün. Es geht los.
»Vorsicht, der Radfahrer!«
Ein dicklicher Mann auf einem Rad, der seinen Wanst in eine bunte Kunststoffhaut mit magentafarbenem »T« Aufdruck gepresst hat, und einen gerippten, blau lackierten Sturzhelm auf dem Kopf trägt, dessen Riemen ihm kaum um das Doppelkinn reichen, rammt den jungen Mann unversehens und stößt ihn zu Boden.
Im Weiterstrampeln schreit er nach hinten: »Hast du keene Ogen im Kopp, du dämlicher Depp?«
»Aber es ist doch grün«, empört sich mein Fünferträger, während er sich wieder auf die Beine müht.
Ein zweiter Radfahrer hält unmittelbar vor ihm: »Du hattest deine Füße mindestens sieben Zentimeter auf dem Radweg.«
»Aber ick hatte schließlich jrün.«
»Das ist doch völlig wurscht. Der Radweg ist auch bei Grün da, wo er nun mal immer ist und gefahren wird bei jeder Farbe, denn die sind nur für die andren da.«
Er sagt dies in einem Tonfall, dass man davon ausgehen muss, dass er Lehrer von Beruf ist.
In der Zwischenzeit war es wieder rot geworden. Der freundliche Radfahrer überquert mit seinem Rennrad, das standesgemäß weder über Bremsen noch Licht verfügt, die Straße, wobei er einen Slalom um die grade anfahrenden Autos macht. Das wiederum löst ein Hupkonzert aus, welches er grimmig grinsend mit einem gestreckten Mittelfinger quittiert.
Der Fünferträger mit dem Basecap kommt auf mich zu: »Tut mir leid, hat nich jeklappt. Hier ist ihr Schotter zurück.«
Ich bin ein wenig ratlos und Sie als Leser erkennen nun sicherlich den Irrtum, dem Sie hier aufgesessen sind, dass in diesem Buch alles von Autoren geschrieben wurde. Dass es zwischen Autoren und Schriftstellern keinen Unterschied gibt.
Mir allerdings geht es nun endgültig gegen die Ehre. Selbst als Schriftsteller. Immerhin konnte ich ja nicht ahnen, dass ich ausgerechnet an so ein Weichei gerate. Ich muss sehen, dass ich ihn umstimme.
»Nein nein, ist schon ok. Versuchen Sie es doch noch einmal. Diesmal vielleicht ein paar Meter weiter. Das machen schließlich viele hier und dann zack rüber auf die andere Seite, und das war´s.«
Er schaut auf die Straße, auf mich und erneut auf die Straße. Einige Leute gehen wenige Meter von der Ampel entfernt herüber und erreichen ohne nennenswerte Zwischenfälle die andere Seite.
Er nickt, nimmt mir den Fünfer wieder aus der Hand und macht sich erneut auf den Weg.
So, nun wird es klappen.
Kann es sein, dass Sie jetzt ein wenig hinterhältig grinsen? Sie hoffen wohl, er wird bei dem Versuch überfahren? Ich aber sage Ihnen, das ist der typische Hunger nach Sensationen bei Lesern. ›Oho, ein Buch mit einhundertsieben Toten. Ist doch gar nichts, ich habe neulich eins mit hundertachtzig Leichen gelesen!‹
So ticken Sie doch alle als Leser, habe ich recht?
Mein Protagonist jedenfalls kommt dort rüber, auch wenn ich keiner von diesen Autoren bin.
Der rotkäppige Fünferträger steht inzwischen allein an der Straße, schaut nach links und rechts und geht los.
Als er die Mitte erreicht hat, schaltet die Ampel um und die Autos fahren an. Allen voran ein schwarzer BMW, der sich mit quietschenden Reifen von der Kreuzung katapultiert.
Der Fahrer des BMWs muss vor meinem Mann auf die Eisen treten. Der Wagen schlittert und bricht seitlich aus.
»ABS kaputt«, sagen Sie.
»Oder ausgeschaltet«, sage ich.
Dicht neben dem pickligen Fünferträger kommt das Auto zum Stehen. Der Fahrer springt heraus.
Eindeutig ein Ausländer, schießt es mir durch den Kopf. Muslime wahrscheinlich.
Was grinsen Sie so? Sie hoffen schon wieder auf eine Sensation, stimmt‘s? Ein Terrorist vielleicht. Wäre ja grade ein Thema.
Vergessen Sie es. Ich bin hier der Schöpfer. Na ja, jedenfalls versuche ich es.
»Was liegt an Mann, bist du meschugge? Bist du zugedröhnt? Kannst doch hier nicht rüber, wenn ich komme, Mann!« Er schreit es, scheint jedoch selbst ziemlich erschrocken.

Mein junger Mann bleibt scheinbar ruhig, aber was er sagt, lässt mir das Blut einfrieren: »Wenn ihr Kanaken nicht wie die Jeisteskranken rasen würdet, könnte een ordentlicher, deutscher Staatsbürger och unjehindert über die Straße loofen.«
Der BMW Fahrer schnappt hörbar nach Luft: »Warum sagst du Kanake zu mir? Los, sag schon, warum laberst du solche Scheiße? Soll ich dir was zeigen, du Blasslaken?«
Er greift in seine Tasche und holt einen Pass mit dem Emblem der Bundesrepublik Deutschland heraus. Er nimmt ihn und schlägt ihn dem rot Bekappten ins Gesicht.
Die Kappe verrutscht und Blut tropft ihm aus der Nase: »Wir Deutschen haben Regeln, ist das klar? Für alle sind Regeln gültig. Auch für dich Blasslaken.«
Inzwischen ist ein zweiter Fahrer ausgestiegen, der mit seinem Wagen nicht vorbei kommt und geht auf die beiden zu.
Und hier, lieber Leser unterscheide ich mich wiederum von einem richtigen Autor. Ich weiß nicht, wie ich den nennen soll. Der Typ ist so schwarz, dass man ihn selbst in einer dunklen Nacht noch immer als schwarzen Flecken ausmachen könnte.
»Was ist hier los?«, fragt er in aktzentfreiem Deutsch, »können wir nicht endlich weiterfahren?«
Die beiden anderen sehen ihn verblüfft an: »Wir brauchen hier keene Auslända, die sich einmischen«, sagt der Picklige. Der BMW Fahrer nickt zustimmend.
»Der Angesprochene nähert sich, bis sich die drei unmittelbar gegenüberstehen, und sagt fast flüsternd: »Hören Sie mal zu, Sie Witzbolde«, dabei holte auch er einen deutschen Reisepass aus der Innentasche seines Sakkos, »wenn ich meinen Flieger nicht bekomme, wird ihnen unser geliebtes deutsches Rechtssystem so viel Ärger bereiten, dass Sie den Rest ihres Lebens davon zehren können.« Seine Augen funkeln dabei gefährlich in dem schwarzen Gesicht.
Der BMW Fahrer zuckt merklich zusammen: »Was bist du? Scheiß Politiker oder was?« Zu dem Rotbekappten sagte er: »Los mein Freund lass uns hier verschwinden, Politik geht uns nix an.«
Kurze Zeit später hat der junge Mann endlich die andere Straßenseite erreicht. Der Strom der Autos rauscht ungehindert in den Intervallen der Ampel weiter an mir vorbei. Ein klein bisschen traurig schaut er unter dem Schirm der roten Kappe zu mir herüber. Aus seiner Nase sickert noch etwas Blut.
Ein Herr in einem schwarzen Anzug, welcher für diesen freundlichen Tag viel zu warm ist, bleibt an der Ampel stehen. Er dreht sich zu mir und nickt grüßend. Ein wenig mitleidig, wie ich finde.
In dem Moment fällt meine Entscheidung für ein Belletristikstudium.