Ick habe det Jefühl mal Duschen zu müssen.

Eine Weihnachtsgeschichte von Peter Marquardt


Herrmann Schlappendorf, seines Zeichens erster und einziger Buchhalter der Firma Papier Stapel und Söhne GmbH i.G. stand vor seinem Badezimmerspiegel und betrachtete das Gesicht, welches ihm missmutig entgegenblickte.
Er war jetzt fünfundvierzig. Ein geschiedener Buchhalter.
Seit der Scheidung fehlte ihm jemand, bei dem er sich über die vielen Ausländer, die Obdachlosen, die Arbeitsscheuen, die unfähigen Politiker, die Schwulen und das ganze andersartige Gesocks beschweren konnte. Öffentlich ging das ja nicht.
Unterwegs zur U-Bahn wurde er angesprochen: »He Alter haste ma nen Euro?«
Noch keine Tasse Kaffee im Magen, noch mit keinem Menschen ein Wort gewechselt, aber schon angebettelt: »Geh arbeiten, du Penner«, knurrte er und stieg die Treppen zur U-Bahn hinunter.
Der Zug war voll trotz des Heiligen Abends.
Als die Bahn anfuhr, griff er nach einer der Halteschlaufen, wurde aber gegen einen anderen Fahrgast gedrückt.›Mein Gott, der stinkt ja widerlich‹, dachte er, als ihm dessen Ausdünstungen eine Wolke aus Knoblauch, Schnaps und mangelnder Körperhygiene in die Nase trieb.
Schlappendorf dreht sich mit dem Ausdruck abgrundtiefer Missbilligung um. ›Aha, wie sollte es auch anders sein, lange ungepflegte schwarze Haare, braune Augen, unrasiert, unverschämtes Grinsen.‹ Typischer Ausländer also. In reinstem Berlinisch sagte der vermeintliche Ausländer: »Schöne Scheiße wa, Heilich Abnd und so ville Leute inne Bahn.« Dabei grinste er und zeigte einige verblüffend weiße Zähne.
Schlappendorf stieg aus. Der Stinker musste auch am Ziel sein, denn er strebte ebenfalls dem Ausgang zu: »Ick mache hier een bisken Musik ufn Bahnhof, weeste. Wejen Weinachten. Da looft immer wat. Kannst ja mal zuhöhrn, wennde willst.«
Schlappendorf wollte natürlich nicht.
Gegen Mittag, auf dem Nachhauseweg trödelte er. Schlenderte durch verschiedene Straßen, betrachtete Schaufenster und landete so vor einem Geschäft, indem noch richtige Schaufensterpuppen standen.
›Weihnachten vom Feinsten‹, hieß es in der Auslage. Eine der Figuren, eine schlanke Blondine mit vollen Lippen und langen Wimpern, fiel ihm besonders ins Auge. Sie trug ein nachtblaues, rückenfreies Kleid und und passende Highheels aus Lackleder. Er hatte den Eindruck, sie würde ihm zulächeln.
›Sicherlich grinst sie jeden an‹, dachte er. Konnte aber seinen Blick nicht von ihr abwenden. ›Ob so eine auch kochen könnte? Das wäre ja mal ein Weihnachten.‹
Nebenan ging eine Tür auf. Drei Männer sangen mit leicht trunkenen Stimmen: »Süßer die Glocken nie Klingen, als zu der Weihnahachtszeit….«
Schlappendorf riss seinen Blick von der Schaufensterschönheit los und fasste einen Entschluss. In diesem Jahr würde er den Heiligen Abend in der Kneipe verbringen. Ein paar Würstchen und Kartoffelsalat wird es ja dort wohl geben.
  Eine halbdurchsichtige Wand aus stinkendem Nebel, versperrte ihm die ungetrübte Sicht in den Raum.
Das war nichts für Schlappendorf. Er wandte sich zum Gehen. Eine Hand umklammerte seine Schulter und drehte ihn wieder herum: »He Mann, warte mal, dir kenn ick doch.«
Der Stinker aus der U-Bahn von heute Morgen. In der Rechten hielt er seine Gitarre, lose über der Schulter hing ein kleiner, brauner Rucksack.
»Hätten sie die Güte mich loszulassen?!« Schlappendorf war sauer und allmählich wurde ihm in der ungewohnten Luft schlecht.
Der Andere sah ein wenig verunsichert drein und sagte: »Äh tut mir leid Mesta, ick wollte ihnen nich zu nahe treten. Hab ma nur jefreut, hier een bekanntet Jesicht zu sehn. Ick kenne ja sonst keen hier.«
»Ja ja, schon gut.« Er wandte sich erneut zur Tür als der Langhaarige, in bemühtem Hochdeutsch sagte: »Wissen sie, ick würde ihnen ja gerne einen ausgeben. Schließlich is Weihnachten und außerdem hab ich gut verdient heute auf dem Bahnsteig. Bloß weil ick mit Sie zusammen ausgestiegen bin. Is also och ihr Verdienst. Aber gut, mit einem wie mir wolln sie ja nichts zu tun haben.«
›Weihnachten mit einem stinkenden Landstreicher in einer Räucherkate‹, Schlappendorf stöhnte innerlich, drehte sich aber doch um. Jetzt nahm er wahr, dass es hier sogar einen Weihnachtsbaum gab. »Also gut, lassen sie uns ein Bier trinken, aber das geht auf meine Kappe, ist das klar?«
Er wollte sich von dem Penner nicht auch noch aushalten lassen.
Nach dem zweiten Bier wusste er, dass der Kerl seine Wurzeln in Peru hatte. Daraufhin musste er mit ihm einen Pisco trinken. Eine Spezialität aus der peruanischen Heimat wie er versicherte. Nach dem Dritten musste der Mann aufs Klo.
»Chef«, Schlappendorf winkte dem Wirt, »wir nehmen noch nen Bier und so ein Feuerwasser hier.« Er hielt das Piscoglas in die Höhe.
Nicht der Wirt brachte das Gewünschte, sondern …, er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Gut, er hatte ein wenig getrunken, aber bitte, doch nicht so viel.
Da stand die Schaufensterpuppe aus dem Laden nebenan. Das blaue Kleid, die Schuhe und das Lächeln. Alles wie in dem Schaufenster. Als er nicht zugriff, stellte die Frau die beiden Gläser auf den runden Tisch: »Na, keinen Durst mehr oder hat es dir die Sprache verschlagen?«
Herrmann Schlappendorf hatte Schmetterlinge im Bauch und Spatzen im Gehirn. Es flatterte und zwitscherte und es begann sich zu drehen. Er griff an den Tisch, um nicht zu stürzen.
»Ich heiße Panfila«, hauchte sie, »und du?«
»Her-bert, nein Herrmann«, stotterte er. «Sind wir uns nicht schon begegnet?«
Sie lachte hell und zeigte dabei reizende Grübchen, wobei sie die Nase, mit den kleinen Sommersprossen, ein wenig kraus zog: »Nein, ich glaube nicht, aber man kann ja nie wissen.«
Die Beiden prosteten sich zu.
Nach der nächsten Runde sagte Panfila mit einem reizenden Augenaufschlag: »Bringst du mich nach Hause?«
»Willst du schon gehen? Wo must du hin?«
»Du weist doch«, sagte sie, «ich habe kein zuhause. Ich dachte, wir gehen zu dir.«
Der Gedanke, woher er das wissen sollte, kam ihm gar nicht erst: »Zu mir? Aber ja, natürlich zu mir, warum nicht.«
Er zahlte und sie gingen. Erst jetzt sah er, dass sie einen kleinen, braunen Rucksack über dem rückenfreien blauen Kleid trug. Er sah aus wie der, von seinem neuen Bekannten. Wo war der eigentlich abgeblieben? Egal, erfolgte ihr.
Ihr Gang war geschmeidig, fast ein wenig katzenhaft. Der Schein der Laternen spiegelte sich im blauen Lackleder ihrer Highheels.
Jetzt ärgerte er sich, dass er keinen Weihnachtsbaum  aufgestellt hatte. Er hatte auch nichts zu Essen im Kühlschrank. Egal. Einige Flaschen Sekt und Rotwein hatte er auf jeden Fall in Reserve.
Schlappendorf bewohnte eine geräumige Dreizimmerwohnung in der sechsten Etage eines Hochhauses. Als er die Tür öffnete, hörte er Weihnachtsmusik aus dem Wohnzimmer dringen. Er stürzte hinein und stand wie angewurzelt in der Öffnung der Wohnzimmertür. Niemand war da. Dafür aber mitten im Zimmer ein Weihnachtsbaum, dessen goldene Spitze fast bis an die Decke reichte. Goldene Kugeln, goldenes Lametta, umspielt von glänzend weißem Engelshaar.
Dazu tönte jetzt aus den Lautsprechern ein Kinderchor: »Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter…«.
»Gefällt es Dir?«, sie war ganz dicht hinter ihn getreten. So dicht, dass er meinte, ihre Brüste im Rücken zu spüren.
»Oh ja, das ist schön«, er holte tief Luft um seine Gedanken zu ordnen, »aber wie kommt das hier her?«
Wieder lachte sie ihr helles Lachen. »Hast du es nicht geahnt? Ich bin der Weihnachtsengel.«
Er ging auf ihren scherzhaften Ton ein: »Können Weihnachtsengel auch kochen?«
»Oh ja und wie ich kochen kann.«
Er drehte sich zu ihr um, schlang die Arme um ihre Hüften und vergrub das Gesicht in ihrer Halsbeuge.
Mit einem leisen Aufstöhnen schob sie ihn von sich. »Der Nachtisch kommt später mein Lieber«, hauchte sie. »Ist das dort die Küche?«
Als er nickte, nahm sie den Rucksack ab, ging darauf zu und sagte: »Decke bitte den Tisch. Ich denke, ein trockener Rotwein wäre passend.«
Wenige Minuten später, während er noch immer den Tisch dekorierte, zog ein verführerischer Bratenduft durch die Wohnung.
Dann ging auch schon die Tür auf und Panfila kam mit einem fertigen Truthahn auf einem silbernen Tablett herein geschwebt.
Es schmeckte überirdisch gut und wurde nur von der Glut und dem Rausch der folgenden Liebesnacht übertroffen.
Ihre zarte Haut, das leidenschaftliche Seufzen und Stöhnen, das nicht enden wollende Verlangen, versetzten ihn in einen Zustand absoluter Euphorie. Ihre Berührungen durchzuckten ihn, wie sanfte Stromstöße. Ihr warmer Atem durchflutete ihn wie reines Opium.
Es war ein durchdingender, übler Geruch, der ihn am nächsten Morgen weckte. Vielleicht war es auch dieses Geräusch, das dem eines Schweins nicht unähnlich war.
Er hielt die Augen geschlossen, verdrängte all die unangenehmen Wahrnehmungen und versuchte sich an den vergangenen Abend zu erinnern. »Panfila du Schöne, du Engel«, seufzte er in sein Kissen.
Das grunzende Geräusch erstarb. Eine verschlafene Stimme, die garantiert nicht zur schönen Panfila gehörte, grunzte: »Haste wat jesacht?«
Schlappendorf wirbelte in im Bett herum und stieß einen spitzen Schrei aus: »Was machen sie hier in meinem Bett?!«
Der langhaarige Penner aus der U-Bahn und der Kneipe lag neben ihm. Er war splitternackt und zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass dessen Glied sich steif aufgerichtet hatte. »Komm, lass uns noch ein bisschen Kuscheln«, sagte er schlaftrunken und streckte die Arme, die bis zu den Schultern dicht behaart waren, nach dem Buchhalter aus.
Der sprang mit einem Aufschrei aus dem Bett, riss bei der Gelegenheit das Laken mit sich und schlang es sich um den Körper. »Wer sind sie überhaupt?«
Das habe ick dir doch jestern jesagt, ick bin Panfila der Weihnachtsengel.«
Auch die Brust des Fremden war bis zu den Schultern hoch dicht behaart.
»Aber Panfila ist eine Frau.«
»Kannst du keen deutsch? Det heest DER Weihnachtsengel und nich DIE Weinachtsengelin. Merkste wat?«
Schlappendorf rutschte mit dem Rücken an der Wand herunter. Sein Mund stand offen und ein wenig Sabber lief ihm aus dem rechten Mundwinkel.
»Dann haben wir beide, Gestern…«, er wedelte unbestimmt mit der Hand hin und her, ließ aber die Frage unvollendet.
»Na klar, war doch jut wa?« Dann sah der Weihnachtsengel, wie dem armen Buchhalter scheinbar der Wahnsinn zu übermannen drohte. »Seit dreihundert Jahren bin ick der Engel von dem Berliner Weihnachtsmann«, erklärte er ihm entschuldigend. »In diesem Jahr ist er det erste Mal nich uffm Posten. Will sagen, er hat ne Grippe. Da hatte ick frei und da wollte ick och mal Weihnachten feiern. So mit allet drum und drann. Sowie ick et imma bei die andren jesehen habe. Und da habe ick dir jetroffen und du hast fast von det gleiche jeträumt, stimmts? Dit war doch ideal für uns beede oder?«
›Damit hatt er zumindestens nicht unrecht‹, dachte Schlappendorf entsetzt, ›aber ich war mit einem Kerl im Bett.‹
Als hätte der Weihnachtsengel seine Gedanken erraten, sagte er: »Lass mal allet von Jestern in deinem Kopp weg, bis nur noch die Jefühle übrig sind, die de jestern hattest. Versuch et«, forderte er, als er Schlappendorfs Zögern bemerkte. Nach einer Weile fragte er: »Na wie is et jetzt?«
»Fühlt sich gut an«, gab er zaghaft zur Antwort.
»Siehst du, nur det Jefühl zählt, det andere is Nebensache.« Panfila lachte befreit: »Apropos Gefühl, ick habe dit Jefühl mal duschen zu müssen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.«