Ein Tag im Februar 1989
An jenem Tag saß ich in einem Speisewagen der MITROPA, so hieß die Speisewagengesellschaft der DDR, und trank Bier. Nicht irgendein Bier, sondern Radeberger Pilsner.
Für alle, die es nicht wissen, Radeberg liegt in Sachsen und somit im Februar 1989 noch mitten in der DDR.
Als ich eingestiegen war, wollte ich noch nach Hause, in die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Das war übrigens Ostberlin. Ich habe dort gelebt. Ich hatte eine Frau, die ich liebte, eine Freundin, die ich …, weiß ich nicht mehr, einen Hund, Freunde und Kollegen und einen Job.
In der Zwischenzeit bin ich sieben halbe Liter Radeberger von Bremen entfernt.
»Se müssen jetzt zahlen, wir dürfen bloß bis Bahnhof Zoo ausschenken« ,schnauzt mich der Kellner von der MITROPA an.
Ich versuche, meinen Blick auf ihn zu fixieren. Mehrfach schwimmt er mir einfach davon. »Weist du, dass ihr Kellner alle Fremdsauger am üppigen Busen des Sozialismus seid?«, frage ich ihn, ohne zu wissen, warum.
Der Kellner macht eine eisige Miene. Dann wiederholt er seine finanziellen Forderungen: »Sie müssen Zahlen. Jetzt.«
Er nimmt die 25 DM und verschwindet in seinem Kabuff neben dem Tresen. Das Wechselgeld, immerhin 1,80DM, behält er.
›Gleich bist du wieder im Osten, gleich wird die Stadt dunkel werden. Seit zwanzig Jahren willst du in den Westen. Die Hälfte deines Lebens. Jetzt bist du im Westen!‹, schreit eine Stimme in meinem Inneren.
Meine Frau wird mir um den Hals fallen, sobald ich in der Tür auftauche. Das tut sie immer. Der Hund wird uns winselnd anspringen und wir werden uns ganz doll aneinanderdrücken und festhalten. So viel Nähe tut gut. Selbst mir.
Unwillkürlich greife ich in meine Tasche und taste nach den Wohnungsschlüsseln. Da sind sie.
Sie wird mir nie in den Westen folgen. Sie ist eine stolze Frau. Zu stolz, um zu sagen: ›Ich folge dir überall hin. Mit mir ja, hinter mir her nie.
Der Zug bremst: »Bahnhof Zoo letzter Bahnhof im demokratischen Sektor.«
Gerüche nach Kaffee, Schokolade und frischem Obst steigen mir in die Nase. ›Gibt es dafür ein Spray?‹, frage ich mich. ›Warum riecht es bei uns nicht so? Ich will hierbleiben.‹
Dann schießt mir eine Idee durchs benebelte Gehirn: ›Wenn es dir gelingt, ohne Hast zu deinem Abteil zu gehen, den Koffer zu schnappen und auszusteigen, bleibst du hier. Wenn der Zug anfährt und du bist noch drin, fährst du nach Hause.‹
Ein Mann sitzt in meinem Abteil, der vorher dort nicht saß. Er sieht mich durchdringend an.
„Guten Tag“,sage ich.
Der Andere erwidert nichts, schaut mich nur an.
›Stasischwein‹, denke ich und greife nach meiner Reisetasche.
Stasischwein sagt: «Ist das nicht der falsche Bahnhof?«
»Das wird sich zeigen«, sage ich, ohne ihn anzusehen. Wut und Angst steigen in mir auf. Ich verlasse das Abteil und schließe die Tür hinter mir. Mein Herz schlägt, dass es in den Ohren dröhnt.
›Du hast gesagt, ohne Hast‹, schießt es mir durch den Kopf.
Ich gehe ruhig weiter. Das viele Bier, mir wird schlecht.
Ich höre, wie eine Abteiltür aufgerissen wird.
Ein dicker Schaffner drängelt sich an mir vorbei und geht weiter.
Eine Stimme schreit: ›He Sie, bleiben Sie stehen!‹
Dann: ›Lassen Sie mich durch, verdammt noch mal! Sie sollen mich durchlassen!‹
Der Schaffner hat sich wohl noch dicker gemacht.
Jetzt hat mich die Panik im Griff: ›Nie wieder Stasi‹, denke ich und renne nun doch.
Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit einem Sprung bin ich draußen, strauchle zwei, drei Schritte auf dem Beton, dann stürze ich. Mir ist schlecht. Ich kotze auf dem Bauch liegend über meine Reisetasche auf den Bahnsteig.
Ekelhaft, die Kotze direkt vor der Nase, nur Flüssigkeit. Angewidert vor mir selbst krauche ich auf allen Vieren zu einem nahen Pfeiler. Ich setze mich auf und lehne mich mit dem Rücken dagegen. Der Zug ist weg.
Jemand spricht mich an: »Sag mal Alter, steigst du immer so aus ‘nem Zug?« Er setzt sich neben mich und sagt: »Siehste, wieder zwee Fachkräfte weniger für den Sozialismus.«
Ich hatte mir immer vorgestellt, wenn ich mal im Westen angekommen bin, würde ich von einer Art Glückseligkeit übermannt werden. Statt dessen fühle ich eine unendliche Leere in mir. Etwas hat mich fortgerissen und wird mich nie wieder zurückkehren lassen. Wo wird es mich hinbringen dieses Etwas? Angst beschleicht mich.
Ein Bahnbeamter steht vor uns und lächelt freundlich: »Na, seid ihr abjehaun aus dem Ostzug?«
Ich nicke mechanisch.
»Na denn, herzlich willkommen inne Freiheit. Als Erstet müßta zur Polizei. Außen Bahnhof raus, gleich links. Schließlich müßta ja in Deutschland ufjenommen werden.« Er lachte wohlwollend, aber auch irgendwie von oben herab.
Na ja, er stand ja auch und wir waren am Boden.